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22.10.2013

Dima neuer Europameister, Vladi alter Publikumsliebling



Bei den Europameisterschaften in Schwechat gab es einige begeisternde und spannende Spiele, aber diese Lichtblicke konnten nicht die Tatsache verdecken, dass Europa zur Zeit nicht in der Lage ist, den Asiaten Paroli zu bieten. Timo Boll, der einzige Spieler Europas, der auf Augenhöhe mit den besten Chinesen spielen kann, musste wegen Grippe absagen. Der neue Europameister Ovtcharov ist noch nicht so weit, aber arbeitet sich langsam heran. Samsonov ist in einem Alter, in dem er nur noch ab und zu die besten Chinesen gefährden kann. Hinter ihnen klafft eine große Lücke. Bei den Damen ist die Lage für Europa noch wesentlich schlechter.

Bei den Herren nahmen viele ältere Stars, die in ihren Nationalmannschaften immer noch nicht von jüngeren Spielern verdrängt worden sind, am Turnier teil – so zum Beispiel Kreanga (Griechenland, 43), Primorac (Kroatien, 43), Tschetinin (Weißrussland 44), Korbel (Tschechische Republik, 42), Saive (Belgien, 43) und He Zhiwen (Spanien, 52). Anstatt einer Invasion von jungen Spielern, denen die Zukunft gehören soll, war von Nachwuchshoffnungen wenig zu sehen – Franziska (Deutschland) und Shibaev (Russland) haben sich den Besten in Europa angenähert, von Q.Robinot (Frankreich), Sirucek (Tschechische Republik), Pitchford (England), Gauzy (Frankreich) und einigen andern wird dies noch immer erwartet.

Deutlich wird Europas Problem, wenn man einen Blick nach China wirft. Während bei der EM Samsonov mit 37 Jahren noch eine Silbermedaille geholt hat, wurden in China die chinesischen Sportspiele ausgetragen, wo Silber an den erst 17jährigen Fan Zhendong ging, der unteranderem Weltmeister Zhang Jike und den WR-2. XU Xin schlug.

Bei den Damen sieht es noch düsterer aus – nachdem die ETTU im Gegensatz zum Weltverband ITTF die Türen zu „Tischtennis-Einbürgerungen“ geöffnet hat, wurde Europa mit einer neuen Welle von Damen aus China überschwemmt. In Schwechat waren im Einzel im Viertelfinale 7 Spielerinnen, die ursprünglich aus China stammen und lediglich eine gebürtige Europäerin, die 34 Jahre „junge“ Abwehrspielerin Pavlovich (Weißrussland). Alle 4 Medaillengewinnerinnen kommen aus China und sind nicht berechtigt, nächstes Jahr in Tokio für ihre Nationalmannschaften bei den Weltmeisterschaften anzutreten. Von jungen Europäerinnen war bei diesem Ansturm der Chinesinnen wenig zu sehen – Szocs (Rumänien) sowie Petrissa Solja und Winter aus Deutschland sind die Hoffnungen für die Zukunft.

Probleme gibt es nicht nur bei den Aktiven, sondern auch bei der Führungsebene der ETTU –seit den Europameisterschaften und dem Kongress in Herning 2012 war man zerstritten. Man hat sich am Ende mehr mit der Politik als mit dem Sport selbst beschäftigt! Nachdem der langjährige ETTU-Präsident Bosi schon vor dem Kongress in Schwechat seinen Rücktritt erklärte wurde fast einstimmig Kramer(Niederlande) als neuer Präsident gewählt, wobei gleichzeitig der von ihm vorgeschlagene neue Vorstand für die kommenden 3 Jahre bis zu den regulären Wahlen 2016 gewählt wurde. Als Erstes will das neue Führungsteam die Beziehungen zur ITTF wieder normalisieren, das Büro der ETTU neu organisieren, die Finanzen in Ordnung bringen und die Entwicklungsarbeit intensiv vorantreiben. In der Jahresversammlung wurde auch entschieden, dass die Europameisterschaften 2014 nicht wie vorgesehen als Einzelmeisterschaften, sondern als Mannschaftsmeisterschaften ausgeschrieben werden. Die EM wurde an Portugal vergeben.

Bei großen internationalen Veranstaltungen in Europa gibt es leider nur in Deutschland und manchmal auch in Frankreich zufriedenstellende Zuschauerzahlen. Wenn wir zum Beispiel an die leeren Ränge bei den Europameisterschaften in Dänemark 2012 oder bei den Mannschaftsweltmeisterschaften in Moskau 2010 denken, dann wird uns das Ganze erst wieder bewusst. In Schwechat war am Anfang beim Herren-Spiel Österreich gegen Deutschland die Halle fast voll. Als die Gastgeber ausgeschieden waren, verschwanden die Zuschauer. Bei den Endspielen der Damen- und Herren-Mannschaften waren nicht mehr als 400-500 Zuschauer in der Halle. Nach den Mannschaftswettbewerben folgten ganze 3 Tage Qualifikationsrunden im Einzel und Doppel, die selbstverständlich gar keine Zuschauer anlockten, und bei einem Eintritt von 15€ dazu noch komplett überteuert waren.

Lediglich an den zwei letzten Tagen war die Halle über die Hälfte gefüllt und es gab einige attraktive und vor allem spannende Spiele, so dass die Zuschauer voll mitgingen. Eigentlich zu wenig für Meisterschaften, die ganze 9 Tage dauern. Ein Problem ist, dass das heutige Tischtennis zu wenig attraktive Ballwechsel für Zuschauer bieten kann, die nicht aus dem Tischtennis – Rückschlagfehler oder extrem kurze Ballwechsel sind die Regel und attraktive, längere Ballwechsel die Ausnahme. Der beliebte Vladimir Samsonov hat mit seinem eleganten Spiel und seinem vorbildlichen Benehmen wieder die Zuschauer hinter sich gebracht. Seine Spiele gegen Kreanga, Tan Ruiwu, Gionis gehörten zu den Attraktivsten bei dieser EM. Die Halle, die Turnierorganisation und die Spielverhältnisse waren mit Ausnahme der zu langen Qualifikation völlig in Ordnung.

Mannschaftsmeisterschaften
Bei den Herren verteidigte Deutschland den Meistertitel. Ihr Endspielgegner war völlig überraschend die Mannschaft aus Griechenland. Auch ohne Boll gewann Deutschland souverän alle Spiele bis zum Finale mit 3:0, lediglich Gionis (Griechenland) konnte im Endspiel gegen Baum den einzigen Einzel-Sieg gegen die deutschen Spieler feiern. Als großer Gewinn für die Siegermannschaft entpuppte sich der 21-jährige Franziska, der als Nr. 3 all seine Spiele gewinnen konnte.
Wieder einmal hat man viel von Portugal erwartet, die Mannschaft wurde sogar als Nr. 1 gesetzt, doch blieb sie schon im ersten Spiel gegen Griechenland auf der Strecke – Tiago Apolonia war im Mannschaftsteil der Meisterschaften total außer Form. Die Franzosen haben trotz der ganzen Riege von Jugend-Europameistern bei den Herren immer noch nichts zu sagen. Gegen Deutschland waren sie chancenlos! Russland rechnete sich Chancen gegen Deutschland aus. Am Ende war man einigermaßen mit der Bronzemedaille zufrieden.

Wie bei den Herren konnte Deutschland auch bei den Damen gewinnen. In erster Linie dank ihren neu eingebürgerten Chinesinnen Han und Shan, die allerdings nächstes Jahr bei den WM nicht für Deutschland spielberechtigt sind. Rumänien war mit ihren Eigengewächsen ein starker Endspielgegner aber sie konnten ihre Chancen nicht nutzen. Nach vielen Jahren gelang es Russland wieder einmal Bronze bei den Damen zu erspielen, was auch den Tschechinnen gelang. Auf der Strecke blieb die Niederlande, mehrmaliger Europameister der letzten Jahre. Diesmal mit nur einer gebürtigen Chinesin angereist, kam schon in erster Runde das Aus gegen die Gastgeber aus Österreich, die Pech hatten und in der nächsten Runde gegen Deutschland antreten mussten.

Einzel und Doppel
Im Herren-Einzel siegte erstmals Ovtcharov. Samsonov spielte zum 6. Mal ein Endspiel im Einzel und holte dabei sein drittes Silber. Bronze gewannen Steger (Deutschland) und überraschend der 30-jährige Abwehrspieler Gionis (Griechenland), der das Turnier seines Lebens spielte! Der Jugendeuropameister aus dem Jahr 2009, Q. Robinot (Frankreich), konnte sich überraschend bis ins Viertelfinale durchkämpfen. Er konnte mit seinem Kampfgeist voll überzeugen, aber seinem Spiel fehlt noch einiges um sich in der Spitze zu etablieren. Nationalheld in Österreich wurde Fegerl, der erst im Viertelfinale gegen Samsonov die Segel streichen musste. In seinem Achtelfinalspiel gegen den Russen Livencov wurde Fegerl von den Zuschauern lautstark unterstützt. Fegerl hat mit seinem Achtefinal-Sieg das Turnier für das heimische Publikum gerettet.

Die Spieler vom 1. FC Saarbrücken TT, die in dieser Saison bislang in der Bundesliga noch ziemlich erfolglos sind, spielten im Einzel plötzlich groß auf – Steger gewann Bronze, Apolonia erreichte das Viertelfinale und auch Tokic enttäuschte nicht!

Bei den Damen wurden die Medaillen unter den Chinesinnen, die für verschiedene europäische Verbände spielen, verteilt – nach der schon vergessenen Europameisterin Marie Svensson aus dem Jahr 1994 holte Schweden wieder einmal Gold im Dameneinzel – die schwedische Chinesin Li Fen ist eine sehr gute Spielerin, aber trotzdem weit entfernt von der Klasse der besten Spielerinnen aus dem Reich der Mitte. Dasselbe gilt auch für die anderen Medaillengewinnerinnen – Silber Shan Xiaona (Deutschland), Bronze Fu Yu (Portugal) und Han Ying (Deutschland). Auffallend war wieder, dass die besten europäischen Spielerinnen gegen Abwehr große Probleme haben, wobei die Abwehrspielerinnen es gegen die europäischen Angriffsspielerinnen aus China extrem schwer haben.

Im Herrendoppel gab es eine Premiere – erstmals haben zwei Spieler aus China, Tan spielt für Kroatien und Wang für Polen, Gold im Doppel geholt. Im Viertelfinale waren unter den besten acht Doppeln sieben Doppelkombinationen aus Links- und Rechtshänder, lediglich die Titelverteidiger Gardos/Habesohn waren zwei Rechtshänder. Sie erreichten das Endspiel.

Bei den Damen gab es eine echte Sensation: Petrissa Solja und Sabine Winter, zwei deutsche Youngsters, gewannen gegen alle Prognosen das Damendoppel. Dabei war Winter nur für Doppel bei der EM gemeldet. Für die Mannschaft und auch fürs Einzel war sie nicht nominiert. So etwas hat man bisher nur bei den Chinesen gesehen, die Spieler aus der 2.Reihe oft nur für die Doppelwettbewerbe melden, wobei diese „Überzähligen“ dann nicht selten Weltmeister werden!

Medaillenspiegel:

Land, Anzahl Gold/Silber/Bronze, Punkte (Gold 4, Silber 2, Bronze 1)

1. Deutschland, 4/2/2, 22
2. Schweden, 1/1/0,5, 5,5
3. Spanien, 1/1/0,5, 3,5
4-6. Portugal, 0/1/1, 3
4-6 Weißrussland, 0/1/1, 3
4-6 Griechenland, 0/1/1, 3
7-11 Polen, 0,5/0/0, 2
7-11 Kroatien, 0,5/0/0, 2
7-11 Österreich, 0/1/0, 2
7-11 Rumänien, 0/1/0, 2
7-11 Russland, 0/0/2, 2

Wie aus dem Medaillenspiegel zu sehen ist, spielt Deutschland in Europa dieselbe Rolle, wie China in der Welt! Deutschland liegt weit vor allen anderen. Insgesamt haben 11 Nationen Medaillen erspielt.

In Schwechat miterlebt und mitgehört
Der Französische Verband hat eine neue Führung. Schon lange wundert man sich überall, dass Frankreich am laufenden Band europäische Jugendmeister bei den Jungen produziert, aber die Herren-Nationalmannschaft davon bis jetzt nicht profitieren konnte. Nach der großen Generation Gatien, Chila, Eloi, Legout ist heute Mattenet der beste Spieler, der als Jugendlicher kaum Aufmerksamkeit erregt hat. Die Mannschaft hängt weit hinter den Deutschen zurück. Der Verband hat vor kurzem den Cheftrainer Blondel auf Eis gelegt. Tischtennis-Chef im Nationalen Trainingszentrum Birocheau wurde in eine andere Sportart versetzt. Sportdirektor Gadal geht in Pension und gründet eine eigene Tischtennis Agentur.

Tamara Boros (Kroatien), die letzte europäische Dame, die bei den Weltmeisterschaften eine Medaille im Einzel erspielen konnte (Paris 2003), beendete endgültig ihre internationale Karriere. Sie spielt nur noch ab und zu für ihren Verein Mladost Zagreb. Seit diesem Sommer ist sie Co-Trainer in der Werner Schlager Akademie in Schwechat. Als Spielerin war sie bekannt für ihren Trainingsfleiß, jetzt ist sie genauso ehrgeizig und fleißig als Trainerin. In Kroatien sieht sie als ihre Nachfolgerin die Silbermedaillengewinnerin im Mädcheneinzel bei der letzten Jugend-EM Rakovac. Boros sagt, Rakovac sei ein großes Talent, aber ohne entsprechendes Training und Ehrgeiz wird ihr das Talent nicht viel bringen – falls sie jetzt nicht bereit ist, sich voll zu engagieren, wird sie nur ein ewiges Talent bleiben.

Slowenien hat ein Nationales Tischtennis Trainingszentrum eröffnet. In Otocec na Krki, sind junge Talente aus ganz Slowenien im Internat untergebracht. Die Schule und das Training sind koordiniert. Cheftrainer ist der ehemalige vielfache Landesmeister Joze Urh, der vorher mehrere Jahre die italienische Herren-Nationalmannschaft geführt hat. Zur Zeit trainieren im Zentrum 12 Spieler und Spielerinnen.

Der langjährige österreichische Herren-Nationalmannschaftstrainer Ferenc Karsai ging in Pension. Er hat 2003 Werner Schlager zum Weltmeistertitel geführt. Jetzt will er sein großes Können und seine Erfahrung als Trainer in Trainingslehrgängen und Seminaren weitergeben.

Alexander Petkevich, ehemaliger weißrussischer Trainer, der fast die gesamte Karriere von Vladimir Samsonov in der Nationalmannschaft begleitet hat, ist Trainer der russischen Herrenmannschaft – mit den Ergebnissen war er nicht zufrieden, aber es gibt einige Lichtblicke. Das Training der Nationalmannschaft ist jetzt weit besser organisiert, der Fortschritt wird kommen. Die neue, ganz junge Generation wird in einigen Jahren die Szene in Russland beherrschen und sich international ins Rampenlicht spielen.

Aserbaidschan wird 2015 die ersten europäischen Sportspiele austragen. Da im Programm auch Tischtennis steht, werden die 15 besten Mannschaften plus eine Gastgebermannschaft antreten. Aus diesem Grund sucht der TT-Verband einen international anerkannten Cheftrainer. Wie man hört haben sich einige bekannte Trainer um den Posten in dem reichen Ölland beworben. Man hört aber auch, dass die Sportführung des Landes von dem Trainer erwartet, dass er die Nationalmannschaft in den Kampf um Medaillen führt. Wenn man die Tatsache betrachtet, dass die Herrenmannschaft bei der EM 2013 auf dem letzten Platz (!) landete, wird dies wohl nur möglich sein, wenn man eine komplette Mannschaft aus China einkauft!

Der ehemalige Europameister Maze (Dänemark) plagt sich schon einige Jahre mit Verletzungen und muss immer wieder operiert werden. Sein Trainer Peter Sartz meint, dass Maze in etwa 2 Monaten wieder voll spielen kann. Maze spielte in Schwechat ein Spiel und verschwand sofort. So werden seine Punkte in der Weltrangliste nicht abgeschrieben!

In den Qualifikationsrunden der Europameisterschaft 2013 spielten auch zwei weltbekannte Spieler – Jean Michel Saive und Peter Korbel. Sie sind beide über 40, wollen aber noch nicht zum alten Eisen gezählt werden. Beide sind nicht mehr gut genug in der Rangliste platziert und mussten erst durch die Qualifikation für die Hauptrunde. Hier mussten sie gegen wesentlich jüngere Spieler spielen. Saive überstand die Qualifikation, während Korbel es nicht schaffte sich für die Hauptrunde zu qualifizieren.

Mario Amizic, langjähriger erfolgreicher Trainer von Borussia Düsseldorf, danach Trainer der japanischen Herren-Mannschaft und bis vor kurzem Sportdirektor der Werner Schlager Akademie in Schwechat kam natürlich zu den Europameisterschaften. Zur Zeit gönnt er sich eine Verschnaufpause. Er sucht eine Aufgabe, bei der er die Möglichkeit bekommen würde, langfristig eine neue Top-Generation aufzubauen.

In unserem Sport gibt es selten Proteste, die wirklich vor Gericht gehen. Bei den diesjährigen Europameisterschaften gab es einen Protest, der eher Seltenheitswert haben dürfte. Nachdem Dänemark das Spiel bei den Herren gegen die Slowakei verloren hatte, legte Dänemark Protest ein, mit der Begründung, dass an der Bank als Ersatzspieler Michal Bardon gesessen hat, obwohl er nicht für die Mannschaft gemeldet war. Bardon wurde zwar vom slowakischen Verband als Ersatz für einen anderen Spieler gemeldet, diese Nachnominierung wurde jedoch nur im Einzel, nicht aber für den Mannschaftswettbewerb durchgeführt. Der dänische Verband begründete den Protest damit, dass man in der Annahme, dass Bardon spielen wird die eigene Aufstellung gemacht hat und nachher erst erfahren hat, dass er gar nicht gemeldet war. Das Gremium diskutierte eine ganze Stunde, ehe die Entscheidung verkündet wurde und der Protest abgewiesen wurde.



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